Bauern gegen SIS.TM

Bauern gegen SISTM

von sis™

In den letzten Tagen konnte man in vielen Blogs lesen, wie schlecht die Ausstellung des Künstlers SISTM sei (die meisten werden sie wohl nicht besucht haben). Und alles nur weil SF DRS einen beschissenen 3 Minuten Beitrag über die Austellung brachte und es nicht schafft den Unterschied zwischen dem Inhalt der Austellung und Blogs zu erkennen/vermitteln.

Grund genug für viele nun alles dem Künstler in die Schuhe zu schieben, ist ja auch einfacher und ohne viel zu überlegen sehr naheliegend. SF DRS ist ja der Supersender schlecht hin und bringt nur toprecherchierte Beiträge (ähnlich wie Planetopia).

Der Künstler selbst ist seit diesem Tagesschaubeitrag oft in den Kommentaren dieser Blogs zu lesen, er bemüht sich das ganze klarzustellen und ich finde er kommt da sehr sympathisch rüber. Ein sehr schönes Beispiel ist bei Matthias zu finden (und hier die Fortsetzung).

Er lädt den Author zu seiner Ausstellung ein und möchte mit ihm diskutieren, wie nett ist das denn? Zur Reaktion vom Author sag ich jetzt mal nichts, sondern füge lieber diese wunderbare Aussage von pieceoplastic an.

Er schreibt:
i dont like switzerland much, it’s the mentality, but when some bloggers start to behave worse than narrowminded farmers, its just sad.
muh
sis™

muhhh wuff UND miau
Comment von pieceoplastic — 9/2/05 um 18:56

So, hab mir eben auch die Zeit genommen mich da reinzulesen und umzusehen. Also mir gefallen die Werke des SISTM eigentlich gut, und finde seine comments auch freundlich. Aber es scheint da wirklich einige oder besser jemanden enorm zu stören was dieser Artist macht. Ich find`s gut!
Comment von RHO — 9/2/05 um 20:59

Ja das wollte ich ja eigentlich auch noch erwähnen, aber vor lauter aufregen über Büenzlis hab ich das ganz vergessen. Mir gefallen seine Sachen auch.
Comment von sis — 9/2/05 um 21:17

sis, allein damit ich deine Perlen mitbekomme, werde ich mich um Trackbacks in meinem Blog bemühen. Für die Kommentarfunktion trägst du ja auch schon die Verantwortung :-).
Comment von Matthias — 10/2/05 um 13:10

Das ehrt mich jetzt aber wirklich :-)
Ahja, tut mir fast ein wenig leid dass ich nur dich als Beispiel aufgelistet habe, es gab da mehrere die sich in meinen Augen ein bisschen “narrowminded” verhalten haben.
Comment von sis — 10/2/05 um 13:18

Ehre, wem Ehre gebührt, sis!
Und ich halte gerne den Kopf hin, als Bauer vertrag’ ich was, bin’s ja gewohnt – Du solltest mal hören, was meine Kids mir jeweils zu sagen haben (wenn auch nicht zu diesem Thema).
Und es tut dir ja ohnehin nur fast, und nur ein wenig, leid :-)
Comment von Matthias — 10/2/05 um 14:10

Ja ich glaub der Grund dass ich nur dich erwähnt habe, ist der, dass du dich meiner Meinung nach am weitesten und hitzköpfigsten aus dem Fenster gelehnt hast.
Ich mag SISTM s Kunst wirklich und bin schon auf seine nächste Arbeit mit Blogs gespannt.
Comment von sis — 10/2/05 um 14:22

Hi sis (lustiger Name ;-)
Thanks für Deine pointierten Beiträge. Dem ist aus meiner Sicht nichts hinzuzufügen.

Jedenfalls regt sich der Landwirt aus Hollingen ja mächtig auf (grins).
Hast Du mal sein “Portfolio” angeschaut? Schwingt sich zum Kunstkritker auf. Mit so etwas sollte man den Ball vielleicht ein wenig flacher halten. Oder?

Aber er ist ja zumindest Präsi von “seinem Verein” dem Familienverein Hollingen. Great!

Ich freue mich ehrlich über die vielen positven Feedbacks der letzten Tage. Es gibt also doch die “gutern” Blogger ;-)

Mein nächstes Projekt findet im April/Mai statt. Auch wieder mit Blog- Texten. Bin gespannt was dann wieder aus Hollingen kommt.
Herzliche Grüsse
SISTM
Comment von SISTM — 10/2/05 um 14:24

Hitzköpfig? An sich ja schon, kein Problem. Aber verglichen mit dem Künstler seine Wortwahl bin ich lammfromm!
Der einzige wirklich bissige Beitrag meinerseits war dieses Posting, welches sich über die Kunst an sich nur sehr spärlich äussert.
Und das war nicht hitzköpfig! Ich habe lange daran geschrieben bis die Ironie und der Sarkasmus so wirklich schön sassen. Leider weiss das fast niemand zu schätzen :-(. Und so richtig inhaltlich entkräftet hat’s auch niemand, in den Kommentaren wird immer nur allgemein über Kunst und SVP herumgelabert.
Aber ich beklag mich ja gar nicht. Unterhaltsam ist es auf jeden Fall.
Comment von Matthias — 10/2/05 um 14:32


O Ton M.G.:
” Ein Herr mittleren Alters, nennen wir ihn sistm, lässt sich als Künstler bezeichnen. Er surft im Internet, sammelt dort aus anderer Leute Blogs diverse Bilder und Texte zusammen, spielt ein bisschen mit Photoshop herum, lässt das Resultat vergrössern, und tapeziert damit einige Wände.”

Just for the record: Ich habe Malerei studiert und war fünf Jahre persönlicher Assistent von Jörg Immendorff, einem wichtigsten zeitgenössischen Künstler Deutschlands, habe zudem Fotografie und Philosophie studiert.
Der sich Künstler nennt.

P.S.
muss jetzt arbeiten
Kommentare: 5. Dein Kommentar
Comment von SISTM — 10/2/05 um 15:04

Matthias: Auch ich habe deine Ironie und den Sarkasmus in deinem “einzigen bissigen Posting” nicht erkannt, für mich kam der sehr destruktiv und abwertend rüber. (Ist auch nicht einfach aus purem Text ohne die im Netz so weit verbreiteten Smilies zu erkennen.)

Das wäre ja ähnlich wie wenn ich sagen würde (edit: und das ist jetzt wirklich nur ein Beispiel): “Der Bauer ist schweizerisch anerkannter Webpublisher (SIZ) und hat diese Prüfung bestanden, wieso sehen seine Seiten denn nicht so aus? Er spart sich sogar das Photoshopbasteln und macht einen auf 80erjahre Webdesign. Macht sogar ein schweizer Weblogportal das in gewisser Weise wohl für viele Besucher die schweizer Weblogszene repräsentiert.”

Soetwas greift einen doch persönlich an? Und desshalb schreibe ich es auch nicht so .

Dein Posting wertet in meinen Augen die Arbeit von SISTM ohne wenn und aber ab. Ich denke das hat Kunst im allgemeinen nicht verdient, eigentlich hat doch jede Art von Kunst seine Berechtigung und seinen Platz. Dass dies nicht jedem gefällt und zum Nachdenken / Aufregen anregt empfinde ich als wichtig und als Teil der Kunst.
Ich finde SISTM s Arbeit ist nicht irgendein Photoshopgebastel und copy & paste von Weblogtexten um sich besser zu vermarkten, sondern sehe es als Arbeit mit Substanz.

Und in meinen Augen differenzierst du in deinem Posting zuwenig zwischen einem miesen Tagesschaubeitrag, welcher wild zusammengeschnitten ein völlig falsches Bild von Bloggern und der Ausstellung vermittelt, und der Austellung und Kunst an sich. Und dass du seine sehr direkten Bitten um eine Diskussion einfach ignorierst finde ich auch nicht nett. (Niemand muss nett sein, aber nett wär`s doch schon ;-)
Auf Ostern wünsche ich mir mehr Konstruktivität!
SISTM (auch lustiger NAme ;-) : Danke für deine Kommentare und deine Arbeit! Wie man sieht bewegt sie Menschen, die einen so, die anderen so. Hauptsache es bewegt sich!
Comment von sis — 10/2/05 um 15:17


also was bauer luci nicht mit eigenen augen gesehen hat das kommentiert er auch nicht…
ich sag nur: “ring frei zur grossen boxgala! matthias ‘big farmer’ g. vs. sistm ‘the artist’”
Comment von luci — 10/2/05 um 15:22


huch. hier gings ja voll ab diesen nachmittag. voll grass, mann.
meine meinung habe ich ja chez ma bereits kundgetan.
ist es wirklich so undenkbar, dass tv drs den beitrag verhauen hat?
die tun dies echt professionell. und immer wieder. genau darum brauchen wir blogs. mann!

dont hate the media – become the media – jello biafra. enter: blogs = ein bottom-up, superschnelles medium mit dem finger am puls der zeit. schöne neue blogosphäre.

doch dann müssten wir uns zumindest nicht gar zu arg in den rücken fallen und wenn dann der SISTM seine verschnipplselten aussagen klarzustellen versucht, kriegt er von mir den ganzen benefit of the doubt, oder wie man auf deutsch sagt: im zweifel für den angeklagten.

seine aussagen waren über das thema vereinsamung im netz – ein sehr reales phänomen wie man es in dem kürzlich von justin hall veröffentlichten video wieder mal fadengrad sehen musste. wer als vielsurfer dieses video ankuckt und sich nicht zumindest ein wenig wiedererkennt, der hat entweder tomaten auf den augen oder ist sonst irgendwie ein bauer. solche spiegel sind manchmal hart zu nehmen…
Comment von pieceoplastic — 10/2/05 um 19:12


genau piecoplast… wie das der könig oder besser gesagt beinahe us gouverneur jello biafra schon gesagt hat:” dont hate the media – become the media”. Finds schön wenn sich jemand an diesen mann erinnert!
Comment von RHO — 10/2/05 um 21:44


sis, dein Beispiel zeigt doch mal wieder, dass die Bauern eben dringend auf Nebenerwerb angewiesen sind! Wie schon Hansjörg Walter sagt: “Bereits heute gehen 70 Prozent der Bauern einem Nebenerwerb nach. Dieser Anteil wird sich weiter erhöhen.”
Weshalb sollte ich mich also persönlich angegriffen fühlen? Dass es eine sensiblere Seele als mich stören kann, mag sein. Aber du hast ja selber gesehen, dass der Künstler nicht zimperlich ist und sich offenbar gut zu wehren versteht . Also wo genau ist das Problem?
Comment von Matthias — 10/2/05 um 21:47


Ich halte es für destruktiv und sinnlos (Nachtrag: Nichts gegen sinnlos, aber destruktiv find ich doof) . Das ist das einzige “Problem” falls es überhaupt eines gibt. Ich denke konstruktives bringt mehr und SISTM wäre an einem konstruktiven Gespräch interessiert. Und differenzieren zwischen schlechten Medienberichten und dem was der Bericht hätte enthalten sollen finde ich wichtig. Ich denke der O-Ton den SISTM aus deinem Blog zitiert ist nicht wirklich aus einem Besuch seiner Ausstellung entstanden sondern vielmehr aus einen miesen SF DRS Beitrag.

arsty stuff in switzerländli

arsty stuff in switzerländli

9.2.2005 piecoplastic

friday 11. february 2005 finissage of the excellent exhibit incredible subjects by sistm plattform 11 körnerstrasse 11 8005 zureich. i love this guys work. its teh excellenceness…

for some strange reason some swiss bloggers have decided to hate this guy. i don’t understand this at all. so what if he was on tv and if tv messed up their coverage… duh.
that’s what tv does.
that’s why we need blogs!

i dont like switzerland much, it’s the mentality, but when some swiss bloggers start to behave worse than narrowminded farmers, its just sad. it kills me.


3.14a : SIS.TM - INCREDIBLE SUBJECTS

SISTM - incredible subjects

von 3.14a

So ironisch, wie ich die Ausstellung von SISTM “incredible subject”(blog) beurteilt habe, so hat mir diese künstlerische, überspitzte Bearbeitung des Phänomens (weblog) gefallen.

Neben den Texten, die alle durch ihre schreiende Umittelbarkeit in sich selbst austauschbar werden, gefiel mir die digitale Bearbeitung der Bilder. Mehrere Schichten übereinander auf Leinwand gedruckt, geben beinahe der Eindruck vor Tempera zu stehen.

Schade, dass die Medien so unreflektiert, pauschalisierend darüber berichtet hatten. Die Ausstellung läuft noch bis zum 11.Februar auf der Gallerie PlattformElf
Weitere Bilder mit visuellen Eindrücken der Ausstellung unter
gepostet um 22:58:23 am 02/03/05 von 314a - Kategorie: kreatives

3.14a weblog: einseitig?:
Wenn ein Künstler durch eine gewagte, voyeuristische Pauschalisierung eines "neuen" (neu??) Internetphänomens seine Bekanntheit versucht zu etablieren. Oder wenn die Berichterstattung das künstle... [Tracked: 2005-02-04]


Comments
SISTM wrote:
Freue mich ehrlich, über Deinen differenzierteren Kommentar.

Herzliche Grüsse
SISTM
02/04/05 14:02:22


314a wrote:
Ich glaube, bei den Reaktionen über deine Ausstellung, war vielmehr die Empörung über die Berichterstattung, den der Ausstellungsinhalt und Umsetzung des Themas an sich ausschlaggebend. Den in deiner Ausstellung geht es ja nicht um die vielfältigen Aspekte des Bloggens oder eine Diskreditierung dessen, sondern um einen Aspekt und eine bestimmte Betrachtungsweise.
02/04/05 15:19:43


SISTM wrote:
Ja 314a das ist so, wie Du es schreibst.

Meine Absicht war und ist in keinem Fall die Blogger zu diskreditieren. Ich halte Blogs für sehr wichtig. Gesellschaftlich, politisch.

Nur beschäftige mich in der Tat mit gesellschaftlichen Phänomenen unserer Zeit, die eben im Internet und dabei unter anderem in Bolgs sichtbar werden.

Und dabei ist es mir ein grosses Anliegen vor allem auf Probleme wie Vereinsamung oder seelische Störungen von Menschen in der doch sooo kommunikativen, sooo offenen Welt des Internets hinzuweisen.

Ein Phänomen, das zur Zeit scheinbar erst in den grossen Städten der Welt oder anderen Ländern, mit grösseren gesellschaftlichen Problemen, als in der ach so glücklichen Schweiz stattfindet.

Schade, dass das in dem Tagesschau Beitrag nicht so gut rüberkam. Die Folge ist zum Glück, dass sich viele Leute die Ausstellung anschauen und sich damit selbst ein Urteil über meine Arbeit bilden können.

Herzliche Grüsse

SISTM
02/04/05 17:23:42


314a wrote:
Ein Phänomen, welches, ohne neuen Medien, wohl einfach nicht sichtbar, jedoch unvernetzt vorhanden wäre. Ich sehe eher eine 'persönliche' Vereinsamung in einer gewissen, vernetzten, durch oberflächliche Kontakte geprägte kulturelle Schicht/Gruppe, die sich in Blogs oder anderen Medien manifestiert. Keine physische Vereinsamung.
02/05/05 00:55:35


SISTM wrote:
Liebe/r 314a

...es ist immer erst die Spitze, die beim Eisberg sichtbar wird.

Blogs, um ein Beispiel zu nennen (hoffentlich schlägt jetzt nicht wieder jemand auf mich ein sind nur eine von vielen Plattformen, auf der sich soziokulturelle Prozesse manifestieren.

Ich habe in diversen Beiträgen darauf hingewiesen, dass es meines Erachtens nach kulturelle Differenzen zwischen USA und GB und Kontinentaleuropa gibt, die auch in der Art und Weise der Internet-Nutzung sichtbar werden. (Die Texte und Bilder meiner Ausstellung stammen aus diesen Ländern.)

Vereinfacht gesagt: Dort gibt es eine “Kultur des Exhibitionismus”, die ich so in unseren Breiten (noch) nicht in dem grossen Ausmass sehe.

Dies führt zur Bekundung seelischer und sozialer Probleme in ungewöhnlicher, zum Teil erschütternder Offenheit. (Du hast ja die Texte lesen können.)

(Anm.: Interessanterweise habe ich diese “Kultur des Exhibitionismus” nur im Bereich der Sexualität auf beiden Seiten des Atlantiks in gleichen Masse vorgefunden.)

Aus meiner subjektiven künstlerischen Sicht habe ich ich diese verschärften Äusserungen genutzt um auf einen Zustand hinzuweisen, der unter der Oberfläche unser hiesigen Gesellschaft gärt.

Warum hat wohl die Schweiz die höchste Selbstmordrate unter jungen Menschen in Europa?

Warum ist die Schweiz in Drogenkonsum ebenfalls auf Spitzenplätzen zu finden?

Wie geht es den vielen Singles in Zürich? Alle bestens vernetzt, alle sind gut drauf, wie es ja in der üppigen Gastro-Szene der Stadt zu besichtigen ist. Und danach?

Ich denke, die Blogger Szene in der Schweiz ist eine noch kleine Gruppe von gut vernetzten Avantgardisten. In den überwiegenden Fällen, mit einem durchaus vorzeigbaren intellektuellen Anspruch. Den Aufschrei nach dem Tagesschau-Beitrag, kann ich daher absolut nachvollziehen.

Leider wurde eben auch nicht vollständig wiedergeben, worum es mir inhaltlich geht. Aber Schwamm drüber.

Meine Prognose: In dem Moment, wenn Blogs hierzulande ein Massenphänomen, wie in den USA werden, vor allem bei Jugendlichen, werden sich auch vermehrt private Inhalte den Weg bahnen.

Dann kommt wahrscheinlich auch der Rest vom Eisberg zu Vorschein. Oder soll ich sagen von der seelischen Müllhalde?

Herzliche Grüsse

SISTM
02/05/05 20:27:47


314a wrote:
schreibe gerade die Antwort auf deinen Beitrag.
02/05/05 22:20:32


314a wrote:
Mit der relativ kleinen Bloggerszene in der Schweiz, muss ich dir wohl zustimmen. (Im Moment ist es noch eher exotisch überhaupt so etwas wie einen blog zu führen.) Ob dann so ein grosser Müllberg zum Vorschein kommt, weiss ich nicht.

Die Schweiz ist klein und die eigene Privatspähre, wird denke ich, doch sehr geschätzt. Was nicht heisst, dass jemand irgendwo sein ganz persönliches, aber anonymes blog führt. Womit es schwierig wird, Länder getrennt die blogs zu betrachten.

Die Suizidraten der Schweiz sind im Ländervergleich über hundert Jahre konstant hoch und sie besitzt mit Dänemark, Finnland, Östereich und Ungarn die höchsten Suizidraten. (http://www.stopsuicide.ch/5...)

Ich frage mich, ob der Konsum von Suchtmittel wirklich zugenommen hat. Wahrscheinlich schon, denn wenn wir die letzten hundert Jahren betrachten, hat nur schon die potentielle Verfügbarkeit von neuen, anderen Suchtmittel enorm zugenommen. Doch fallen die Drogenabhängigen, die wir haben, im Vergleich zu der Masse von Alkoholkranken, wirklich ins Gewicht, sind sie nicht einfach nur sichtbarer?

Einsamkeit in Städten, unsere Kultur, Protestantismus, Eigenverantwortung, Erfolgsdruck usw.
Wie stark hat sich unsere Gesellschaft geändert?
Stark, aber vielleicht nicht so stark wie wir denken.
Vieles war wohl schon so, nur nicht sichtbar und für uns Vergangenheit. Vielleicht gärt dieser Zustand schon länger als du (wir) denken.
02/05/05 22:38:49


SISTM wrote:
Es ist hier nicht besser und nicht schlechter als anderswo. Was die Schweiz meines Erachtens nach von anderen Ländern unterscheidet, ist dass gesellschaftliche Verwerfungen hier weniger öffentlich, weniger sichtbar sind und wenn, dann nur Jahren Verspätung.

Ich denke jedoch, dass die “heile Welt” Fassade der Schweiz vor allem viele junge Menschen ankotzt, weil sie deren Schattenseiten am stärksten am eigenen Leib spüren: Protestantismus,
Erfolgsdruck, Anpassungsdruck, Repression.

Weil sie jeden Tag in die Abgründe ihrer Perspektivlosigkeit blicken, weil sie jeden Tag hinter die bürgerliche Fassade der kaputten Ehen ihrer Eltern blicken. Ich rede hier nicht von den vollversorgten Reichtums-Kids, auch nicht von den Soziotopen der Alternativ-Szene, auch nicht von Randständigen, meine Sujets sind allesamt Teilnehmer der bürgerlichen Wohlstandsgesellschaft.

Zugegeben ich spitze zu, aber ist es nicht in weiten Teilen so? Ist es nicht in der Schweiz üblich Probleme unter den Teppich zu kehren, jeglicher Konfrontation auszuweichen, faule Kompromisse als Konsens zu bemänteln?

Natürlich gibt es in unserem Land eine Menge schlauer Leute, die sich in intellektuellen Zirkeln (auch in Blogs) so ihre Gedanken zu allem möglichen Zeitfragen machen. Nur bitte nicht öffentlich. Und schon gar nicht die Konfrontation suchen. Dann wandert man am besten gleich aus, so wie Hirschhorn.

Ich habe einen anderen Ansatz als Hirschhorn. Ich bin kein Polit- oder Aktionskünstler, der sich sehr unmittelbar mit gesellschaftlichen Fragen befasst.

Herzliche Grüsse

SISTM
02/06/05 22:20:39


314a wrote:
Es ist nicht besser und schlechter hier als anderswo, womit du sicherlich Recht hast. Vielleicht ein wenig anders betont. Die faulen Kompromisse, über die könnte man wohl ein Buch schreiben und sich ergiebigst über die grösse der Faul- oder nicht-Faulheit erörtern.

Zu den Abgründen, auf welche du eingegangen bist.
Jeder hat seinen eigenen Abgrund, welcher er hineinschaut und der in ihn zurückschaut. Die Frage ist, ob man die eigenen Abgründe auch in unserer heutigen Gesellschaft akzeptieren kann. Ob man hineinblicken kann in das, was nicht gefällt. Ob man sich Zeit gibt sich mit sich selbst zu beschäftigen, in einer Zeit, in welcher die 'Zeit' ein Luxusgut ohnesgleichen wurde.

Auch wenn durch die 68'er vieles vereinfacht und zum Teil auch erreichbar wurde, scheint sich eine gewisse Genügsamkeit in Bezug auf Ziele, Dinge die uns weiterbringen vorzuherrschen. Wir sind Kinder einer Generation von Rebellen, ohne Ziele, welche die Ideale gesehen und nun erwachsen deren Realität, welche die Umsetzung in Frage stellen, die Ziele hinterfragen und ziellos, hilflos sind angesichts der Hinterlassenschaft unserer Vorfahren umherirren und nicht wissen was zu tun.

(das ist ziemlich überzeichnet zu betrachten)
02/08/05 08:40:38


SISTM wrote:
Hi 314a

wunderbarer Kommentar. Trifft es auf den Punkt.

Ich habe als Künstler eine ausgesprochen sorgfältige Ausbildung erfahren. Unter anderem war ich fünf Jahre lang Assistent des grossen deutschen Polit-Künstlers Jörg Immendorff. Dabei habe ich gelernt methodisch den Teppich zu heben, hinter die Fassaden zu schauen und dort verdeckte gesellschaftliche Phänomene ans Licht zu holen.

Bei Immendorff ging es zu meiner Zeit mit ihm vor allem um die Bewältigung der Deutschen Vergangenheit und die Aufdeckung des verlogenen Umgangs der Gesellschaft mit diesem Thema.

Wie hast Du hast formuliert: “Die Frage ist, ob man die eigenen Abgründe auch in unserer heutigen Gesellschaft akzeptieren kann.”

Genau darin sehe ich meine Aufgabe als Künstler, diese Abgründe auszuleuchten, ans Licht zu holen, um damit auf Entwicklungen, so wie ich sie aus meiner ganz persönlichen, subjektiven künstlerischen Sicht sehe, hinzuweisen.

Mit der aktuellen Ausstellung habe ich (unbeabsichtigt, da es mir ja gar nicht um das Thema Bloggen ging) scheinbar einen wunden Punkt, einen Nerv getroffen. Anders sind mir die heftigen Reaktionen aus der hiesigen Blog-Szene nicht zu erklären.

Die Frage ist, ob man dort nicht bereit ist hineinzublicken in das, was nicht gefällt.

Verlogenheit?

Mal sehen wie es weitergeht. Ich muss jetzt an meinem nächsten Projekt arbeiten. Dort werde ich noch stärker auf verbale, persönliche Statements im Web eingehen. Erneut mit Hilfe von Blog-Fragmenten.

Ich werde weiter Salz in die Wunden streuen, die in der Schweiz so gerne tabuisiert werden.

Herzliche Grüsse

SISTM
02/08/05 13:28:53


314a wrote:
Soweit ich aus den Kommentaren, die ich gelesen habe, beurteilen kann, ging es im Wesentlichen nur um die einseitige Berichterstattung und gar nicht um die Ausstellung an sich.

Den es war nicht der erste Beitrag in ähnlicher Manier. Planetopia brachte scheinbar ähnlich unrecherchierten Schwachsinn zustande.
(http://weblog.plasticthinki...)

Die Empörung ist verständlich, den es kommt einen Journalisten kaum in den Sinn, den Inhalt der Bibliothek von Alexandria mit Trivialliteratur gleichzusetzen. So in etwa wirkte wohl die Pauschalisierung der Tagesschau.

Dafür berichtete die Migroszeitung interessanterweise reflektierter über das 'Phänomen' Blog.
(http://www.workshop.ch/weit...) (via http://www.stefanbucher.net...)

Ich würde nicht von Verlogenheit sprechen.
Den so vielseitig die blogs sind, so unterschiedlich sind die Absichten, die hinter den blogs stecken.
Sammelsurium, Recherche, Informationssuche und Verknüpfung, Weitergabe von Wissen, Informieren von Freunden, Persönliches, Beobachtetes, Literarisches, Erlebtes,...
Die einen möchten Reflektieren, philosphieren und Abgründe aufdecken und für andere erfüllt es diesen Zweck in keinsterweise. So vielseitig ein Bleistift genutzt werden kann, so vielseitig, werden Blogs genutzt. Den eigentlich ist es nichts anderes wie ein öffentliches Notizblatt mit Datum.

Künstler und/oder Blogger, welche der heutigen Gesellschaft auf den Zahn fühlen und ihre Abgründe aufzeichnen braucht es ohne Zweifel.
Es wird wohl ein ziemlich frommer Wunsch bleiben, wenn ich mir wünsche, dass die Berichterstattung differenzierter wäre.

ps: zu meinem letzten Kommentar, der letzte Satz mit “nicht wissen was zu tun”.
Ich glaube schon, dass wir wissen was zu tun ist, doch angesichts der enormen Vernetzung und der Herausstilisierung globaler Kontexte, erscheint der Einzelne noch kleiner und hilfloser.