10. März 2008
SIS.TM's LEARN MORE - Ungeheuerlichkeiten in spiessigen Intérieurs
Textauszug aus Kunstbulletin 9/2007
"Das neueste Projekt „LEARN MORE“ handelt von sexueller Verwahrlosung von Kindern und Jugendlichen durch Pornographie. Zu dieser Arbeit wurde SIS.TM durch Jugendliche inspiriert, die Pornos auf ihre Handys runterladen, oder Teenagervergewaltigungen, die mit der Handycam gefilmt werden, nicht zu vergessen das Drama um die Kinderporno-ringe.
Solche grenzüberschreitenden Verhaltensweisen, noch dazu in unabsehbarem Ausmass ist weit gehend dem Nachahmungseffekt zuzuschreiben, der durch das Internet gefördert wird. Denn nur schon die pure Menge an verfügbaren, intimsten und perversesten Bildern zeigt auf, wie gross das Problem ist und hierin scheint SIS.TM zufolge, der zentrale Tabubruch unserer Gesellschaft zu liegen. Wie jeder Surfer weiss, sind die Pornosites leicht zugänglich. Man/frau braucht nur die gängigen Suchmaschinen wie etwa yahoo anzuwählen, um unter „boys“ und „girls“ auf die deftigsten Porno-Sites zu stossen. Im Projekt „LEARN MORE“ geht es um die Protagonisten solcher Pornovideos, die blutjung sind und meistens aus dem Ostblock stammen; so Strassenkinder aus Russland, deren miserable ökonomische Situation skrupellos ausgenützt wird.
Auffallend ist, dass solche Pornoszenen in spiessigen Intérieurs gespielt, und die Mädchen erstaunlich adrett präsentiert werden, fast mit einem Touch von Vertrautheit. Damit wird eine Welt vorgegaukelt, die nicht existiert; knallharte Tatsache ist allerdings das dahinter steckende Milliardenbusiness.
„LEARN MORE“ besteht aus mobilen Aktionen, einem Videofilm, einer Website www.learnmore.ch mit Textcollagen aus den Pornosites und einer endlosen Abfolge von Webadressen sowie einer Grossinstallation mit digital paintings. Dies sind Porträts von jungen Pornodarstellern und –darstellerinnen, die während eines Monats auf der riesigen Plakatwand neben dem Freitag-Tower an der Geroldstrasse prangen. Just an dem Ort, an dem sich all die trendigen Discos befinden, die von dem Publikum frequentiert werden, das hier — als potentielle Opfer und Täter — angesprochen wird. Das Ganze ist mit einem scheinbar didaktischen Ansatz aufgebaut, was die Neugierde auf das Projekt wecken und Denkanstösse provozieren soll.
Aber auch Fragen nach der Auswirkung der weltweit verbreiteten Bilder von Sexualität, Gewalt und Exhibitionismus / Voyeurismus auf die Gesellschaft in zehn, zwanzig Jahren aufwerfen soll. Führt es zu einer nie da gewesenen Amoralität, Verrohung oder zu einem neuen religiösen, ethischen Fundamentalismus. Ist unsere (protestantische) Prüderie schuld daran, dass bei jeweiligen Medienberichten über die Aufhebung eines Kinderpornoringes oder über Jugendgewalttaten jeweils kurz aufgeschrien wird, um anschliessend verdrängt zu werden. Noch ratloser fühlt man sich angesichts der Szenen von Selbstverletzungen und Selbstverstümmelungen vor laufender Webcam, umso mehr, wenn man bedenkt, dass der Schritt von der Selbstverletzung zur Verletzung anderer nur ein geringfügiger ist; ja, der Tod im Hinblick auf die völlig enttabuisierten Bildwelten gar abstrakt zu werden droht.
Doch, was veranlasst diese Jugendlichen, sich solches anzutun, und warum zeigen sie es einer globalen Öffentlichkeit? Ist es die pure Lust an der Selbstdarstellung? Oder der letzte Hilfeschrei eines Verlorenen. Oder reiner Sadomasochismus? Ich für meinen Teil kann mir da nur mit der Diagnose des deutschen Weisheitslehrers Eckhart Tolle weiterhelfen. Die Gewalteskalationen auf unserem Planeten schreibt er unserem individuellen und kollektiven Schmerzkörper zu, einem „halb autonomen Energiesystem“, das regelmässig nach Nahrung verlangt, zum Beispiel in Form von gewalttätigen Filmen und Schreckensnachrichten. „In den Nachrichtenmedien einschliesslich des Fernsehens herrscht generell die Tendenz vor, negative Nachrichten zu verbreiten. Je schlimmer etwas ist, umso mehr begeistert sich der Berichterstatter, und diese Begeisterung am Negativen teilt sich häufig durch die Medien direkt mit. Nichts liebt der Schmerzkörper mehr.“
Dominique von Burg
"Das neueste Projekt „LEARN MORE“ handelt von sexueller Verwahrlosung von Kindern und Jugendlichen durch Pornographie. Zu dieser Arbeit wurde SIS.TM durch Jugendliche inspiriert, die Pornos auf ihre Handys runterladen, oder Teenagervergewaltigungen, die mit der Handycam gefilmt werden, nicht zu vergessen das Drama um die Kinderporno-ringe.
Solche grenzüberschreitenden Verhaltensweisen, noch dazu in unabsehbarem Ausmass ist weit gehend dem Nachahmungseffekt zuzuschreiben, der durch das Internet gefördert wird. Denn nur schon die pure Menge an verfügbaren, intimsten und perversesten Bildern zeigt auf, wie gross das Problem ist und hierin scheint SIS.TM zufolge, der zentrale Tabubruch unserer Gesellschaft zu liegen. Wie jeder Surfer weiss, sind die Pornosites leicht zugänglich. Man/frau braucht nur die gängigen Suchmaschinen wie etwa yahoo anzuwählen, um unter „boys“ und „girls“ auf die deftigsten Porno-Sites zu stossen. Im Projekt „LEARN MORE“ geht es um die Protagonisten solcher Pornovideos, die blutjung sind und meistens aus dem Ostblock stammen; so Strassenkinder aus Russland, deren miserable ökonomische Situation skrupellos ausgenützt wird.
Auffallend ist, dass solche Pornoszenen in spiessigen Intérieurs gespielt, und die Mädchen erstaunlich adrett präsentiert werden, fast mit einem Touch von Vertrautheit. Damit wird eine Welt vorgegaukelt, die nicht existiert; knallharte Tatsache ist allerdings das dahinter steckende Milliardenbusiness.
„LEARN MORE“ besteht aus mobilen Aktionen, einem Videofilm, einer Website www.learnmore.ch mit Textcollagen aus den Pornosites und einer endlosen Abfolge von Webadressen sowie einer Grossinstallation mit digital paintings. Dies sind Porträts von jungen Pornodarstellern und –darstellerinnen, die während eines Monats auf der riesigen Plakatwand neben dem Freitag-Tower an der Geroldstrasse prangen. Just an dem Ort, an dem sich all die trendigen Discos befinden, die von dem Publikum frequentiert werden, das hier — als potentielle Opfer und Täter — angesprochen wird. Das Ganze ist mit einem scheinbar didaktischen Ansatz aufgebaut, was die Neugierde auf das Projekt wecken und Denkanstösse provozieren soll.
Aber auch Fragen nach der Auswirkung der weltweit verbreiteten Bilder von Sexualität, Gewalt und Exhibitionismus / Voyeurismus auf die Gesellschaft in zehn, zwanzig Jahren aufwerfen soll. Führt es zu einer nie da gewesenen Amoralität, Verrohung oder zu einem neuen religiösen, ethischen Fundamentalismus. Ist unsere (protestantische) Prüderie schuld daran, dass bei jeweiligen Medienberichten über die Aufhebung eines Kinderpornoringes oder über Jugendgewalttaten jeweils kurz aufgeschrien wird, um anschliessend verdrängt zu werden. Noch ratloser fühlt man sich angesichts der Szenen von Selbstverletzungen und Selbstverstümmelungen vor laufender Webcam, umso mehr, wenn man bedenkt, dass der Schritt von der Selbstverletzung zur Verletzung anderer nur ein geringfügiger ist; ja, der Tod im Hinblick auf die völlig enttabuisierten Bildwelten gar abstrakt zu werden droht.
Doch, was veranlasst diese Jugendlichen, sich solches anzutun, und warum zeigen sie es einer globalen Öffentlichkeit? Ist es die pure Lust an der Selbstdarstellung? Oder der letzte Hilfeschrei eines Verlorenen. Oder reiner Sadomasochismus? Ich für meinen Teil kann mir da nur mit der Diagnose des deutschen Weisheitslehrers Eckhart Tolle weiterhelfen. Die Gewalteskalationen auf unserem Planeten schreibt er unserem individuellen und kollektiven Schmerzkörper zu, einem „halb autonomen Energiesystem“, das regelmässig nach Nahrung verlangt, zum Beispiel in Form von gewalttätigen Filmen und Schreckensnachrichten. „In den Nachrichtenmedien einschliesslich des Fernsehens herrscht generell die Tendenz vor, negative Nachrichten zu verbreiten. Je schlimmer etwas ist, umso mehr begeistert sich der Berichterstatter, und diese Begeisterung am Negativen teilt sich häufig durch die Medien direkt mit. Nichts liebt der Schmerzkörper mehr.“
Dominique von Burg
21. Mai 2007
SIS.TM mit 8-Stunden-Video am TWEAKFEST
SIS.TM presents FLICKERING SUBJECTS III
“You can now send me private messages.”
War der Film den SIS für die “Augenzeugen“-Ausstellung produzierte, noch eine visuelle und akustische Attacke, die den Zuschauer mit Bildern am Rande des Erträglichen forderte, so ist sein neuer Film “You can now send me private messages.” zu einer subtilen Meditation geraten.
Nicht nur die Laufzeit von nahezu 8 Stunden, auch die Tatsache, dass der Film gänzlich ohne Ton ist, deutet schon darauf hin, dass das Werk Aufmerksamkeit verlangt.
“Was mich beim Web besonders fesselt, ist die exhibitionistische Selbstdarstellung. Selbst-äusserungen zwischen Spiritualität und Surrealität, zwischen Vereinsamung und Heroisierung, zwischen Selbsthass und Sadomasochismus stehen unterschiedslos nebeneinander.“ (SIS.TM, 2005)
In seinen Projekten, Videos, Bildern und Texten, thematisiert SIS TAGGMAN (SIS.TM) immer wieder die Äusserungen von Menschen in Blogs und Video-Blogs (Vlog), wo sie ihre Befindlichkeiten der Welt preisgeben. Auch in seiner neuen Arbeit setzt sich SIS mit der Frage derartiger Ausgestaltung von Identität im World Wide Web auseinander. Er erweitert jedoch den Blickwinkel dahingehend, dass er den Exhibitionismus der Protagonisten ungeachtet ihrer individuellen Dispositionen betrachtet und damit auch die Frage nach Relevanz des Mediums Video-Blog stellt.
„Jeder Mensch ist Künstler” - ist das berühmte Beuys-Zitat, ist die von Beuys propagierte Utopie der „Sozialen Plastik“ in den Video-Blogs der YouTube-Generation Realität geworden?
SIS reiht im dritten Teil seines FLICKERING-SUBJECTS-Zyklus ohne wesentliche Eingriffe Vlog an Vlog. Der unverstellte Blick auf die Selbstdarstellungen der Video-Blogger, auf ihren Gestaltungswillen, läst einen immensen persönlichen Aufwand bei der Herstellung der Filme durchscheinen. Statt jedoch den kreativen Freiraum der Video-Blogs zur Auseinandersetzung zum Beispiel mit „politischen Themen“ zu nutzen, stellen sich die „Video-Directors“ in ihren Filmen vorzugsweise als zappelige Comedians oder Moderatoren privater Nabelschauen dar.
Der Film zeigt Video-Blogger die sich künstliche Identitäten geschaffen haben, sich hierzu oftmals auch physisch hinter Masken verbergen. Nur lassen sich diese infantilen Versuche um Originalität leicht als überwiegend ironiefreie Imitationen gängiger TV-Formate identifizieren. In seinem stundenlangen Film mit einer scheinbar nicht endenden Reihe immer ähnlicher werdender Inszenierungen, dekuviert SIS die Beliebigkeit der Blog-Beiträge und damit die inhaltliche Nivellierung des Mediums. Mehr noch. In dem er ihnen den Ton wegnimmt, lässt SIS die Protagonisten wie hinter Bullaugen eingesperrte Ertrinkende erscheinen, die sinnlose Versuche unternehmen, im digitalen Ozean des Web wahrgenommen zu werden. Damit verweist er einerseits auf die von ihm oft beschriebene Verlorenheit, auf die Bedürfnisse nach Aufmerksamkeit und Zuwendung, auf die seelischen Verwerfungen bei primärer im Web sozialisierenden Individuen. Andererseits dramatisiert er auf diese Weise sehr treffend, die überwiegend nutzlose Geschwätzigkeit der Blogosphäre.
SIS begreift das Internet als Chance, die Beuys-Utopie von gesellschaftlicher Veränderung durch Kreativität, wahr werden zu lassen. Nach seiner Deutung ist es allerdings fraglich, ob die Blogger diese Möglichkeit wahrgenommen haben, sie überhaupt begriffen haben.
Neo van Harff, Zürich, Mai 07


Video Installation am TWEAKFEST
“You can now send me private messages.”
War der Film den SIS für die “Augenzeugen“-Ausstellung produzierte, noch eine visuelle und akustische Attacke, die den Zuschauer mit Bildern am Rande des Erträglichen forderte, so ist sein neuer Film “You can now send me private messages.” zu einer subtilen Meditation geraten.
Nicht nur die Laufzeit von nahezu 8 Stunden, auch die Tatsache, dass der Film gänzlich ohne Ton ist, deutet schon darauf hin, dass das Werk Aufmerksamkeit verlangt.
“Was mich beim Web besonders fesselt, ist die exhibitionistische Selbstdarstellung. Selbst-äusserungen zwischen Spiritualität und Surrealität, zwischen Vereinsamung und Heroisierung, zwischen Selbsthass und Sadomasochismus stehen unterschiedslos nebeneinander.“ (SIS.TM, 2005)
In seinen Projekten, Videos, Bildern und Texten, thematisiert SIS TAGGMAN (SIS.TM) immer wieder die Äusserungen von Menschen in Blogs und Video-Blogs (Vlog), wo sie ihre Befindlichkeiten der Welt preisgeben. Auch in seiner neuen Arbeit setzt sich SIS mit der Frage derartiger Ausgestaltung von Identität im World Wide Web auseinander. Er erweitert jedoch den Blickwinkel dahingehend, dass er den Exhibitionismus der Protagonisten ungeachtet ihrer individuellen Dispositionen betrachtet und damit auch die Frage nach Relevanz des Mediums Video-Blog stellt.
„Jeder Mensch ist Künstler” - ist das berühmte Beuys-Zitat, ist die von Beuys propagierte Utopie der „Sozialen Plastik“ in den Video-Blogs der YouTube-Generation Realität geworden?
SIS reiht im dritten Teil seines FLICKERING-SUBJECTS-Zyklus ohne wesentliche Eingriffe Vlog an Vlog. Der unverstellte Blick auf die Selbstdarstellungen der Video-Blogger, auf ihren Gestaltungswillen, läst einen immensen persönlichen Aufwand bei der Herstellung der Filme durchscheinen. Statt jedoch den kreativen Freiraum der Video-Blogs zur Auseinandersetzung zum Beispiel mit „politischen Themen“ zu nutzen, stellen sich die „Video-Directors“ in ihren Filmen vorzugsweise als zappelige Comedians oder Moderatoren privater Nabelschauen dar.
Der Film zeigt Video-Blogger die sich künstliche Identitäten geschaffen haben, sich hierzu oftmals auch physisch hinter Masken verbergen. Nur lassen sich diese infantilen Versuche um Originalität leicht als überwiegend ironiefreie Imitationen gängiger TV-Formate identifizieren. In seinem stundenlangen Film mit einer scheinbar nicht endenden Reihe immer ähnlicher werdender Inszenierungen, dekuviert SIS die Beliebigkeit der Blog-Beiträge und damit die inhaltliche Nivellierung des Mediums. Mehr noch. In dem er ihnen den Ton wegnimmt, lässt SIS die Protagonisten wie hinter Bullaugen eingesperrte Ertrinkende erscheinen, die sinnlose Versuche unternehmen, im digitalen Ozean des Web wahrgenommen zu werden. Damit verweist er einerseits auf die von ihm oft beschriebene Verlorenheit, auf die Bedürfnisse nach Aufmerksamkeit und Zuwendung, auf die seelischen Verwerfungen bei primärer im Web sozialisierenden Individuen. Andererseits dramatisiert er auf diese Weise sehr treffend, die überwiegend nutzlose Geschwätzigkeit der Blogosphäre.
SIS begreift das Internet als Chance, die Beuys-Utopie von gesellschaftlicher Veränderung durch Kreativität, wahr werden zu lassen. Nach seiner Deutung ist es allerdings fraglich, ob die Blogger diese Möglichkeit wahrgenommen haben, sie überhaupt begriffen haben.
Neo van Harff, Zürich, Mai 07


Video Installation am TWEAKFEST
























