SIS.TM presents FLICKERING SUBJECTS III

“You can now send me private messages.”

War der Film den SIS für die “Augenzeugen“-Ausstellung produzierte, noch eine visuelle und akustische Attacke, die den Zuschauer mit Bildern am Rande des Erträglichen forderte, so ist sein neuer Film “You can now send me private messages.” zu einer subtilen Meditation geraten.

Nicht nur die Laufzeit von nahezu 8 Stunden, auch die Tatsache, dass der Film gänzlich ohne Ton ist, deutet schon darauf hin, dass das Werk Aufmerksamkeit verlangt.

“Was mich beim Web besonders fesselt, ist die exhibitionistische Selbstdarstellung. Selbst-äusserungen zwischen Spiritualität und Surrealität, zwischen Vereinsamung und Heroisierung, zwischen Selbsthass und Sadomasochismus stehen unterschiedslos nebeneinander.“ (SIS.TM, 2005)

In seinen Projekten, Videos, Bildern und Texten, thematisiert SIS TAGGMAN (SIS.TM) immer wieder die Äusserungen von Menschen in Blogs und Video-Blogs (Vlog), wo sie ihre Befindlichkeiten der Welt preisgeben. Auch in seiner neuen Arbeit setzt sich SIS mit der Frage derartiger Ausgestaltung von Identität im World Wide Web auseinander. Er erweitert jedoch den Blickwinkel dahingehend, dass er den Exhibitionismus der Protagonisten ungeachtet ihrer individuellen Dispositionen betrachtet und damit auch die Frage nach Relevanz des Mediums Video-Blog stellt.

„Jeder Mensch ist Künstler” - ist das berühmte Beuys-Zitat, ist die von Beuys propagierte Utopie der „Sozialen Plastik“ in den Video-Blogs der YouTube-Generation Realität geworden?

SIS reiht im dritten Teil seines FLICKERING-SUBJECTS-Zyklus ohne wesentliche Eingriffe Vlog an Vlog. Der unverstellte Blick auf die Selbstdarstellungen der Video-Blogger, auf ihren Gestaltungswillen, läst einen immensen persönlichen Aufwand bei der Herstellung der Filme durchscheinen. Statt jedoch den kreativen Freiraum der Video-Blogs zur Auseinandersetzung zum Beispiel mit „politischen Themen“ zu nutzen, stellen sich die „Video-Directors“ in ihren Filmen vorzugsweise als zappelige Comedians oder Moderatoren privater Nabelschauen dar.

Der Film zeigt Video-Blogger die sich künstliche Identitäten geschaffen haben, sich hierzu oftmals auch physisch hinter Masken verbergen. Nur lassen sich diese infantilen Versuche um Originalität leicht als überwiegend ironiefreie Imitationen gängiger TV-Formate identifizieren. In seinem stundenlangen Film mit einer scheinbar nicht endenden Reihe immer ähnlicher werdender Inszenierungen, dekuviert SIS die Beliebigkeit der Blog-Beiträge und damit die inhaltliche Nivellierung des Mediums. Mehr noch. In dem er ihnen den Ton wegnimmt, lässt SIS die Protagonisten wie hinter Bullaugen eingesperrte Ertrinkende erscheinen, die sinnlose Versuche unternehmen, im digitalen Ozean des Web wahrgenommen zu werden. Damit verweist er einerseits auf die von ihm oft beschriebene Verlorenheit, auf die Bedürfnisse nach Aufmerksamkeit und Zuwendung, auf die seelischen Verwerfungen bei primärer im Web sozialisierenden Individuen. Andererseits dramatisiert er auf diese Weise sehr treffend, die überwiegend nutzlose Geschwätzigkeit der Blogosphäre.

SIS begreift das Internet als Chance, die Beuys-Utopie von gesellschaftlicher Veränderung durch Kreativität, wahr werden zu lassen. Nach seiner Deutung ist es allerdings fraglich, ob die Blogger diese Möglichkeit wahrgenommen haben, sie überhaupt begriffen haben.

Neo van Harff, Zürich, Mai 07


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